KISUAHELI NEUMIX

Michael Schirner, Serie von Ölbildern, 1987

1987 entstand Michael Schirners Serie von Ölbildern mit Signaturen berühmter Maler. Sie wurde 1988 zum ersten Mal in einer Einzelausstellung der Galerie Hans Mayer in Düsseldorf ausgestellt. Im Gespräch mit Markus Peichl – veröffentlicht im Katalog zur Ausstellung “Michael Schirner, BYE BYE” – erzählt Schirner, wie es zum Titel “Kisuaheli neumix” kam:   “Vor der Ausstellung rief mich der Galerist Hans Mayer völlig aufgelöst an: Es sei etwas schreckliches passiert, die Druckerei hätte die Einladungskarte zur Ausstellungseröffnung nicht mit unserem Text, sondern mit Blindtext gedruckt. Anstelle meines Pamphlets zum Tod des Autors stand da: “Kisuaheli neumix doc marc. Redwitzmope …” Weil ich den Blindtext nicht schlecht fand, wurde die Einladungskarte so verschickt. Die Besucher fanden die Karte kreativ.   Konstantin Jacoby von Springer & Jacoby schickte mir die Einladungskarte mit einem schönen Kommentar: Lieber Michael, das ist ja wohl der geilste Kunsteinfall, den ich in den letzten Jahren gesehen habe. Absolut supergut! Wenn es nicht so typisch und blöd wäre, als Agenturbesitzer Kunst zu kaufen, würde ich Dir die ganze Serie abkaufen. So bleibt mir nur, Dir schwer beeindruckt zu diesem wirklich kategorisch neuen Einfall zu gratulieren: Kunst per Behauptung, jetzt hast Du Deine berühmten Künstler-Vorbilder voll eingeholt! Gruß, Konstantin.”

Anzeige für die Landeshauptstadt Düsseldorf, 1986

Anzeige für die Landeshauptstadt Düsseldorf, 1986

Nur Kunst

Michael Schirner

Da es mir ernst war mit der Gleichsetzung von Werbung und Kunst, musste ich noch den letzten Schritt tun und die bildende Kunst ganz nebenbei zu meiner Domäne zu erklären. Ich habe, um das Problem der Autorenschaft in den Mittelpunkt zu stellen und um die Herkunft guter Ideen aus der Werbung zu belegen, eine Idee aus unserer Düsseldorf-Kampagne aufgegriffen, und zwar die Anzeige mit den Signaturen berühmter Maler.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Vincent), Öl auf Leinwand, 1987

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Vincent), Öl auf Leinwand, 1987

Diese Signaturen habe ich, immens vergrößert und mit dem Originalhintergrund in Öl gemalt, dort ausgestellt, wo ich vor Jahren die Ausstellung „Werbung als Kunst“ gemacht hatte, in der Galerie Hans Mayer in Düsseldorf.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Jean Dufy), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Jean Dufy), Öl auf Leinwand, 1987

Die Gemälde zeigen, dass aus Kunst Werbung wurde, aus der schließlich Kunst wird, wobei wir am Ende dieser Geschichte wieder bei ihrem Anfang angelangt wären.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (P. Mondrian), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (P. Mondrian), Öl auf Leinwand, 1987

Meine Arbeiten sind teurer als die Arbeiten von Beuys, Lüpertz und Baselitz, weil ich an die Preise für konzeptionelle Arbeiten gewöhnt bin, die in der Werbung bezahlt werden, nicht an die Preise in der Kunstszene.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Ensor), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Ensor), Öl auf Leinwand, 1987

So habe ich eine Situation geschaffen, in der wir es mit einer Gesamtheit aller kreativen Betätigungen und Berufe zu tun haben, die alle auf ihre Vollendung in der Selbstabschaffung des Experten und Fachmanns hinauslaufen.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (G. de Chirico), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (G. de Chirico), Öl auf Leinwand, 1987

Unter diese Selbstabschaffung habe ich, da ich eben auch nur ein einzelner, sterblicher Mensch bin, meinen Namen als Signatur gesetzt …

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (de Kooning), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (de Kooning), Öl auf Leinwand, 1987

… für das Ganze also Autorenschaft beanspruchend, das in seinen Teilen die Autorenschaft ad absurdum geführt hat, und bewiesen, dass Kunst nur Werbung und Werbung nur Kunst ist, also beides nichts besonderes, aber das Höchste und Erhabenste.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (OM), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (OM), Öl auf Leinwand, 1987

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Jorn), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Jorn), Öl auf Leinwand, 1987

Wenn Kunst zur Ware wird, ist Kunst immer schon auch Werbung gewesen.

Hans Ulrich Reck in KUNSTFORUM, November/Dezember 1989

Dass Werbung Kunst wird, provoziert für Kunst eine notwendige Radikalisierung nicht ihres akapitalistischen Autonomieprinzips, sondern ihres Interventionsanspruchs gegenüber gesellschaftlich relevanten Phänomenen einer visuellen Aneignung des Wirklichen. Damit ließe sich der Streit zwischen Kunst und Werbung auflösen. Zurück bliebe die sich in sich selbst drehende Fiktion einer unbefriedigten Authentizität, die solches von der Kunst nur behauptet, um es der Werbung abzusprechen.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Corinth), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Corinth), Öl auf Leinwand, 1987

Geht es aber um die Organisation der Mittel, Aneignungsformen des Realen zu erwirken, die dieses nicht nominalistisch auflösen, sondern als Unverfügbarkeitsvoraussetzung aller Wirklichkeitserfahrung sichern, dann wird der territoriale Behauptungskampf zwischen Kunst und Werbung gegenstandslos.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Giacometti), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Giacometti), Öl auf Leinwand, 1987

Er bezieht sich nur noch auf archaische Relikte im allgemeinen, die Angst vor dem Verlust des Authentischen im besonderen.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (G. Braque), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (G. Braque), Öl auf Leinwand, 1987

Schirners strategisch beanspruchte Autorenschaft bezieht sich auf den gerade kunsttheoretisch über die zur Kunst erklärte Werbung möglich gewordenen Diskurs.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Nolde.), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Nolde), Öl auf Leinwand, 1987

Formulierungen gilt es so zu entwickeln, dass ihre Voraussetzungen für ein Selbst als Objekt ihrer Einwirkungen verständlich werden.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (LK) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (LK), Öl auf Leinwand, 1987

Die Kritik an der Kunst ist gewiss ohne deren Beraubung nicht möglich. Allerdings bestimmt der neue Kontext eine konzeptionell gesteigerte Qualität.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Max Ernst) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Max Ernst), Öl auf Leinwand, 1987

Die Erzeugung neuer Zeichenmodelle treibt die Reflexion auf die Wahrnehmung von Bildwirkungen weiter. Schirners Kunstbegriff identifiziert die wesentlichen Wahrnehmungsformen mit den jeweils öffentlichkeitswirksamsten Zeichenträgern und Bildformen.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Manessier) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Manessier), Öl auf Leinwand, 1987

Er kritisiert also nicht die Kunst im Namen des Lebens oder das Museum im Namen der Kunst, sondern verwendet die künstlerischen Leistungen, um die öffentliche Regulierung der Bilder als Arbeit an ihrer Wahrnehmung zugänglich zu machen.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Nay) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Nay), Öl auf Leinwand, 1987

Gleichzeitig klagt Schirner avantgardistische Kunstmodelle und ihr Potential genau dort ein, worauf ihre Intention genuin gerichtet ist: auf die Komplexitätssicherung am Banalen und die Zerschlagung aller metaphysischen Ästhetikbegriffe zugunsten der Organisation der künstlerischen Produktionsmittel selbst.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Mirò) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Mirò), Öl auf Leinwand, 1987

Schirner unterwirft konzeptuelle künstlerische Errungenschaften einem Kunstbegrifft, der aus den neuen technischen Möglichkeit einer strategischen Aneignung der öffentlichen Bilder entwickelt ist.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Savinio) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Savinio), Öl auf Leinwand, 1987

Schirner verlässt die Legitimationsfrage, ob Werbung Kunst sei, indem er darauf verweist, dass unter dem Diktat einer ästhetischen Aneignung der öffentlichen Bilder insgesamt der Begriff der Kunst und die Geltung ihrer Wirkungsabsichten sich verändert haben.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Juan Gris) 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Juan Gris), Öl auf Leinwand, 1987

Deshalb spielt Schirner kunstvoll mit medial verformten Darstellungsmitteln. Sein ironisch als Tribut an ein Werbemotiv ganz in der traditionellen Sprache der Kunstwerke gemalt “Signaturen” (1987) …

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Buffet), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Buffet), Öl auf Leinwand, 1987

… verweisen auf den vorläufigen Schlusspunkt einer werberischen Inszenierung: auf Aura, Beglaubigung der Wertprojektion “Kunst”, das inszenierte Individuelle, die Urheberschaft.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (C. Carra), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (C. Carra), Öl auf Leinwand, 1987

Gerade diese sind aber durch die ironische Beglaubigung einer Eigenhändigkeit von außen (Schirner, der die Signaturen anderer als Bilder in deren jeweiligem Stil malt) nichts als die Auflösung dieser Prätentionen. Denn sie wurden zuerst in Rahmen einer kommerziellen Kampagne für Düsseldorf als Kulturstadt entwickelt.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Chagall), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Chagall), Öl auf Leinwand, 1987

Die handgemalten “Signaturen” vergrößern einzelne Elemente dieser Kampagne und übersteigern den zentralen Aura-Ort des Werkes im Sinne einer sprengenden Imitation. Der Autoritätsträger der Signatur wird zum Ausdruck einer konzeptionellen Bildmontage und der werberischen Ironie-Strategie: Werbung als Kunst. Das ist nicht das letzte Wort. Notwendig ist eine Umfunktionierung de Kunstbegriffs.

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Magritte), 1987, Öl auf Leinwand

Michael Schirner, Kisuaheli neumix, ohne Titel (Magritte), Öl auf Leinwand, 1987

Die kunstvernichtende Parallelisierung von Kunst und Werbung muss zur Provokation neuer, irritierender Ausdrucksformen werden. Kunst als Befremden gegen die Wirklichkeit ihrer Vereinnahmung ist, was es zu entwickeln gilt. Das gelingt nicht mehr der aktuellen eitlen Naivität. Kunst muss sich auf die möglichen subversiven Potentiale im Widerspruch der gnadenlosen Kapitalisierung allen Tuns radikal einlassen. Das tut Schirners Werbung längst.

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